
Über das Alt-Sein
oder über die
Vorteile einer langjährigen monogamen Beziehung
(der größte Fortpflanzungserfolg, wenn man die richtige Person zur richtigen
Zeit
in der richtigen
Situation trifft)
Totaler Erfolg
Der alte Mann streckte seine schwielige,
runzlige Hand aus. Seine steifen Finger berührten die Hand der Frau, die neben
ihm vor ihrem gemeinsamen Haus saß. Sie wandte ihm den Kopf zu, blickte ihn mit
ihren blinden blauen Augen an und lächelte. Endlich waren alle angekommen,
einige erst nach tagelanger Reise. Zum erstenmal seit Jahrzehnten war das alte
Paar von seiner gesamten Familie umgeben, dem Ergebnis ihres langen gemeinsamen
Lebens. Es waren fünf Generationen zugegen. Ihr ältester Sohn war jetzt fast
siebzig, ihr jüngster Ururenkel gerade zwei Wochen alt.
Mit einer Sehkraft, die so scharf war, wie die ihre nachgelassen hatte,
betrachtete der alte Mann das Gesicht seiner Partnerin. Die Realität, die er vor
sich hatte, war ein von tiefen Runzeln durchzogenes Gesicht, blinde Augen, die
sie auf so grausame Weise einengten, ein gütiger Mund und ein Lächeln, das einen
einzigen Zahn zeigte - sie war so stolz auf diesen letzten Zahn. Doch was er für
einen Moment erblickte, waren das glatte, schöne Gesicht, die klaren, dunklen,
schelmischen Augen, der sinnliche Mund und die schimmernden Zähne, die vor über
siebzig Jahren seine Sinne entflammt hatten. Er erinnerte sich noch, als wenn es
gestern gewesen wäre, wie er ihr durch den Wald nachgerannt war, wie er auf
einem Lager von süß duftenden Blättern zum ersten Mal ihren straffen und
makellosen Körper erkundet und in ihn eingedrungen war. Sie war eine wunderbare
Partnerin, Mutter und Großmutter gewesen, die ideale Gefährtin für das ganze
Leben. Er konnte sich nur an eine Phase erinnern, in der ihre Beziehung
angespannt gewesen war - als sie sich dem Klimakterium näherte; aber das hatte
nur fünf Jahre gedauert. Er hatte viele Gelegenheiten zur Untreue gehabt, und
manchmal war er in Versuchung geraten, aber er hatte ihr immer widerstanden,
weil er solche Angst davor hatte, sich anzustecken und seine Prinzessin zu
verlieren. Seine letzte Chance hatte er mit Anfang Sechzig gehabt, als ein
kokettes junges Mädchen von zwanzig, beeindruckt von seinem Status und seinem
gut erhaltenen Körper, ihm den ihren für die Nacht angeboten hatte.
Doch er hatte ihr einen Korb gegeben. Es war eine der besten Entscheidungen
seines langen Lebens, denn fünf Jahre später war sie tot. Sie war jener sexuell
übertragbaren Krankheit erlegen, die zur Geißel ihrer Gesellschaft geworden war
und die sie vermutlich schon an dem Abend in sich trug, als sie sich ihm anbot.
Was hätten seine Partnerin und seine Familie in den letzten fünfundzwanzig
Jahren gemacht, wenn er gestorben und nicht mehr da gewesen wäre, um Lösungen
für ihre Probleme zu finden und ihnen seine Erfahrungen zugute kommen zu lassen?
In der Nacht nach dieser letzten Gelegenheit zur Untreue hatten er und seine
Partnerin zum allerletzten Mal miteinander geschlafen. Seitdem war es ihnen
nicht mehr lohnend erschienen, ihre alternden Körper mit der Anstrengung zu
belasten; enger hätte ihr Verhältnis nicht mehr werden können, ob mit Sex oder
ohne. Nun, da die Rührung des Augenblicks ihn überwältigte, sagte er seiner
Partnerin, sie sehe wunderbar aus.
Wieder lächelte die alte Frau ihr Lächeln, das den einen Zahn entblößte. Tief in
ihrem Magen wurde der Schmerz, der jetzt ihr ständiger Begleiter war,
vorübergehend verdeckt durch die bloße Freude, ihre Familie um sich zu haben.
Sie drückte die Hand ihres Partners. Seit zehn Jahren konnte sie ihn nicht mehr
sehen. Sie brauchte sich nicht mehr beunruhigen zu lassen vom Anblick seiner
Gebrechlichkeit und des Verfalls, der in letzter Zeit eingesetzt hatte.
Das Bild, das sie in sich trug, war immer weniger das des erschöpften alten
Mannes, den sie zuletzt mit ihrem nachlassenden Augenlicht gesehen hatte,
sondern das des muskulösen jungen Sportlers, den sie in all den verflossenen
Jahren gekannt hatte. Sie erinnerte sich noch
- klarer und genauer als er - an das erste Mal, als sie ihm ihren Körper
überlassen hatte, nachdem sie nackt in einem See gebadet hatten. Es war einige
Jahre gewesen, bevor sie ihr erstes Kind empfing, aber danach war es leicht
gegangen. Sie hatte eigentlich nie die Versuchung gespürt, untreu zu werden. Als
ihr Partner an Besitz und Status gewonnen hatte, war ihre größte Befürchtung
gewesen, ihn zu verlieren. Es hatte lange Phasen in ihrem Leben gegeben, in
denen sie ihn als arrogant empfunden hatte, aber er war immer freundlich,
rücksichtsvoll und lustig gewesen. Während ihre Familie wuchs, hatte sie sich
keine einziges Mal einen besseren Partner oder Familienvater gewünscht. Nun bat
sie ihn noch einmal, ihr zusagen, wer alles da war; konnte er, um mit ihnen zu
beginnen, all ihre Kinder sehen?
Er blickte sich um in der gewaltigen Menge, die sich vor ihrem Haus versammelt
hatte. Nicht nur ihre Familie, sondern das ganze Dorf war zu der Feier, die sich
über den ganzen Tag hinziehen sollte, zusammengekommen. Die Kinder liefen hin
und her, viele lachend, einige zankend und weinend. Die Erwachsenen waren in
zerstreuten Gruppen versammelt, teils auf dem Boden sitzend, teils stehend. Die
meisten tranken etwas, aßen eine Kleinigkeit und freuten sich auf die
Hauptmahlzeit. Überall hörte man Leute miteinander sprechen und lachen, und
gelegentlich wurden die Stimmen lauter, wenn alte familiäre Freund- und
Feindschaften erneuert wurden.
Nach und nach machte der alte Mann ihre fünf Kinder aus. Wenn er eines sah,
nannte er den Namen, und sie nickte. Sie waren alle da. Sie hatte acht Kinder
gehabt, aber zwei waren in der Kindheit gestorben, und ein drittes war, nachdem
er eine eigene Familie gegründet hatte, in seinen Fünfzigern gestorben. Jetzt
die Enkel, drängte sie ihn. Er wußte, daß es dreiundzwanzig sein mußten, aber er
konnte sich nicht an die Namen aller erinnern. Er griff sich die zwölf heraus,
die er am besten kannte, alle in den Vierzigern, und mußte sich dann auf seine
Partnerin verlassen, die ihm die Namen der jüngeren Enkel nannte, von denen
einige Teenager oder noch jünger waren. Sie erinnerte sich deutlich an ihre
Namen, aber das half nicht in jedem Fall, weil er nicht einmal wußte, wie einige
der jüngeren aussahen. Trotzdem sagte er, als sie ihm die Namen nannte, sie
seien da.
Als die Liste vollständig war, lehnte sie sich befriedigt zurück. Dreiundzwanzig
überlebende Enkelkinder. Das waren drei mehr als bei ihrer lebenslangen Freundin
und Rivalin, die nach einem bewegten und wechselhaften, von sexueller Aktivität
erfülltem Leben vor zehn Jahren gestorben war. Jetzt fehlte ihr ihre
Kameradschaft. Sie hatten Glück gehabt. Die meisten aus ihrer Generation waren
entweder jung an Krankheiten oder durch Unfälle gestorben, oder sie waren
unfruchtbar gewesen oder hatten ihre Kinder verloren, bevor sie erwachsen waren.
Sie und ihre Freundin hatten miteinander einen Großteil der Dorfbevölkerung
hervorgebracht.
Der alte Mann sagte, sie werde ihn hoffentlich nicht bitten, ihre Urenkel zu
zählen. Lachend schüttelte sie den Kopf. Er konnte die älteste Urenkelin sehen,
jetzt fast dreißig, mit ihrem Neugeborenen, dem letzten Ururenkel der beiden.
Gestern Abend, sagte die alte Frau, hätten sie und ihre Tochter ausgerechnet,
daß es insgesamt zweiundfünfzig sein müßten und vier, die noch unterwegs waren,
und es waren schon sechzehn Ururenkel da. Er lehnte sich entspannt zurück,
befreit von der Aufgabe, die Kinder zu zählen.
"Schau nur, was wir geschafft haben", sagte er befriedigt und vergaß dabei nicht
zum erstenmal, daß sie blind war. Sie drückte noch einmal seine Hand und ließ
ihn dann los, um sich auf den Lärm und die Gespräche ringsum zu konzentrieren.
(aus "Krieg der Spermien - Weshalb wir lieben und
leiden, uns verbinden, trennen und betrügen" von Robin Baker)