EINE FORTSETZUNGSGESCHICHTE


Felix, der Fuchs

 

1. Ein glücklicher Fuchs

Es war einmal ein kleiner Fuchs. Der wohnte am Rande eines großen Waldes. Durch diesen Wald führte eine Straße, und auf dieser Straße fuhr jeden Tag um die gleiche Stunde ein gelber Autobus. Wohin mag der nur fahren? dachte der kleine Fuchs und schaute dem Autobus nach.
Eines Tages aber faßte er sich ein Herz und lief zu der Haltestelle, bei der der Postautobus immer stehenblieb. Und als der mit Trari und Trara ankam, da sagte der kleine Fuchs einfach zu dem Mann, der am Lenkrad saß: "Guten Tag, kann ich mitfahren?" Erstaunt sah der Mann unseren kleinen Fuchs an. Er schob die Mütze zurück und brummte: "Ich fahre zwar bis dorthin, wo sich die Füchse gute Nacht sagen, aber daß nun gar ein Fuchs mitfahren will, das hab´ ich nicht erwartet!" Und er holte ein großes rotkariertes Taschentuch hervor und wischte sich damit über die Stirne. Der kleine Fuchs aber sprang geschickt über die Stufen. Seine listigen Äuglein blitzten, und die spitzen Ohren standen steil in die Höhe. "Ich heiße Felix", sagte er. "Meine Mutter hat immer gesagt: `Wer Felix heißt, muß glücklich sein.` Bitte, darf ich mitfahren, nur ein kleines Stück?" Der Fahrer schnaufte. Einem Fuchs, der Felix hieß und der glücklich war, konnte er doch nichts abschlagen. Glückliche Leute sollen glücklich bleiben, dachte er. So nickte er, und dann räusperte er sich und sagte: "Na schön, ich nehme dich mit, Kleiner, aber bei der nächsten Haltestelle mußt du aussteigen, hörst du? Ich möchte deinetwegen keine Scherereien bekommen." Felix, das Füchslein, nickte. "Danke schön", sagte es und sprang auf einen Fensterplatz. Der Fahrer gab Gas, und es ging los. Felix schaute aus dem Fenster und freute sich. Das war doch fein, so schnell über die Straße geschaukelt zu werden. Viel zu bald war die nächste Haltestelle da. "Haltestelle Wolfsgrub!" rief der Fahrer und hielt den Wagen an. Er drehte sich um und schaute den kleinen Fuchs an. Dazu sagte er nur: "Na, mein Freund?" Aber Felix schüttelte den Kopf, und dann schlug er die Vorderpfoten zusammen und sagte mit treuherzigem Augenaufschlag: "Ach bitte, noch ein Stück weiter, `Wolfsgrub` klingt gar so schrecklich, da mag ich nicht aussteigen!" Der Fahrer rückte wieder an seiner Kappe, kratzte sich hinter dem Ohr und brummte dann: "Na, meinetwegen!" Und er fuhr wieder los. In der nächsten Haltestelle - sie hieß "Jägerwiese" - stiegen ein paar Leute ein, Felix machte sich ganz klein und dünn und flüsterte: "Laß mich noch ein Stückchen mitfahren, ich kann doch nicht bei der `Jägerwiese´ aussteigen, das wäre mein Verderben. Denk daran, daß ich ein glücklicher Fuchs bin und daß ich es auch bleiben will !" "Verflixt und zugenäht! Du bist mir ein pfiffiger Bursche!" flüsterte der Fahrer zurück. Er tat es verstohlen, denn es hätte nicht gut ausgesehen, wenn ein Fahrer der Postautobuslinie vor allen Leuten mit einem Fuchs, noch dazu mit einem so kleinen und frechen, gesprochen hätte. So fuhr Felix weiter. Es ging jetzt ein langes Stück durch dunklen Wald. Dort, wo sich zwei Wege gabelten, blieb der Autobus stehen. "Wüstes Schloß!" rief der Fahrer. Aber da war niemand, der einsteigen, und auch niemand, der hier aussteigen wollte. "Hoppla, Freundchen, jetzt mußt du aber hinaus!" Und er öffnete die Tür. Der kleine Fuchs blickte ihn wiederum bittend an und legte die Pfoten zusammen, aber der Fahrer schüttelte diesmal den Kopf, und dann raunte er ihm zu: "Du mußt aussteigen, die nächste Station ist der Marktplatz von Gansdorf, und dort, mein Lieber, würdest du einiges Aufsehen erregen! Steig aus, ich meine es gut mit dir, Felix!"
Ja, das fühlte der kleine Fuchs auch, und deshalb bedankte er sich vielmals bei dem freundlichen Mann und winkte ihm und seinem Postautobus noch lange mit der Pfote nach.

 

 

 

2. Was der Igel erzählt

Nun war unser Felix allein. allein in einem ganz fremdem und recht geheimnisvollen Wald. Er schaute sich um, warum hieß es hier wohl "beim wüsten Schloß"? Der kleine Fuchs konnte beim besten Willen kein Schloß entdecken. Er sah nur Bäume und Felsen, Gestrüpp und Gesträuch. Für einen Fuchs, der doch einen sicheren Unterschlupf braucht, war es hier gar nicht so übel. Freilich, eine verlassene Gegend schien das hier schon zu sein - weit und breit war niemand zu sehen. Es war auch ganz still hier, still und ein wenig unheimlich.
Felix schien es, als läge etwas Drohendes in der Luft, etwas, das man mit seiner spitzen Schnauze nicht wahrnehmen, das man mit den scharfen Fuchsohren nicht hören und mit den Augen nicht sehen konnte, aber es war etwas, das man spürte, am ganzen Körper spürte. Was war es wohl? "Ich werde mich doch nicht fürchten!" sagte Felix ganz laut. "Bei meinem buschigen Schwanz, ein Fuchs ist doch kein Hasenfuß!" Und er beschloß, sich einmal nach dem "wüsten Schloß" umzusehen. Der kleine Fuchs lief also tiefer in den Wald hinein, fort von der Straße, fort von der Haltestelle des gelben Autobusses, ins geheimnisvolle Dunkel des unbekannten Waldes.
Wenn unsereins schon einmal in die Fremde kommt, dann darf er sich nichts entgehen lassen! dachte er. Große silbrige Spinnennetze spannten sich von einem Baumstamm zum anderen. Felix ärgerte sich, als er mit der Schnauze hineinfuhr. Er nieste und rieb sich mit den Vorderpfoten über die Augen. "Pfui, Spinne!" schimpfte er, "kannst du dein Netz nicht etwas höher anbringen?"
Ein großer, wunderschöner bunter Falter flatterte an Felix vorbei, und viele Ameisen liefen geschäftig auf ihrer Straße über den Waldboden.
"Hallo, kann mir vielleicht jemand sagen, wo hier das wüste Schloß ist?" rief Felix. Aber weder der Falter noch die Ameisen gaben ihm Antwort. Sie waren alle viel zu sehr mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt. Da raschelte es im Laub, und eine dunkle stachelige Kugel schob sich darunter hervor. Ein Igel!
Schnell fuhr Felix mit der Schnauze auf ihn los, aber der Igel stellte seine Stacheln auf. Felix konnte gerade noch im letzten Moment abbremsen, und das war sein Glück, denn die Stacheln wären noch viel unangenehmer im Gesicht gewesen als die Spinnennetze. "Na, na, na", murrte er, "du mußt auch nicht gleich so unhöflich sein, alter Stachelrock!"
"Ich kann unhöflich sein, wann ich will und zu wem ich will!" knurrte der Igel und hielt seine Stacheln in Bereitschaft.
"Ich tu dir doch nichts, ich wollte dich nur etwas fragen!" sagte das Füchslein kleinlaut. "Das kenne ich!" sagte der Igel. "Ihr Füchse seid eine schlaue Gesellschaft, aber wir Igel sind auch nicht auf den Kopf gefallen, hihihihi", und er lachte und glitzerte mit den Äuglein. Das ärgerte Felix noch mehr. Wer läßt sich schon gern auslachen? Er ließ seinen buschigen Schwanz hängen und drehte sich wortlos um. Doch das war dem Igel auch nicht recht. Eigentlich war er einem Plausch nicht abgeneigt. So rief er hinter dem gekränkten Füchslein her: "He du, holla, renn doch nicht gleich weg. Was wolltest du denn von mir wissen?"
Felix, dessen Neudierde stärker war als die Kränkung, drehte sich rasch um und kam zurück. "Wo ist das wüste Schloß?" fragte er. "Ich sehe hier nirgends ein Schloß, weißt du etwas darüber?" "Freilich weiß ich etwas!" nickte der Igel und reckte stolz die kleine spitze Schnauze. "Dann erzähl´ es mir doch bitte!" sagte Felix. Und der Igel erzählte: "Nicht weit von hier findest du große Felsblöcke und Mauerreste im Wald. Sie waren einmal ein großes, stattliches Schloß mit hohen Mauern, Zinnen und Türmen. Eine Horde wilder Krieger hat das Schloß verwüstet. Seither meiden die Menschen diesen Ort, und der Wald hier herum heißt `beim wüsten Schloß´."
Felix, der kleine Fuchs, blickte nachdenklich drein. "Ich habe noch nie ein Schloß gesehen, und schon gar nicht ein wüstes Schloß", sagte er. "Ich glaube, ich gehe es mir einmal anschauen!" Das würde ich an deiner Stelle nicht tun", meinte der Igel. "Mit dem Schloß hat es noch allerhand auf sich."
"Was denn?" fragte der neugierige Felix und setzte sich erwartungsvoll auf die Hinterpfoten. Der Igel sah sich erst nach allen Seiten um, und dann sagte er leise: "Der Zauberer Zickelzack wohnt darinnen mit seinem grantigen Kater Murr. Er läßt jede Nacht das Schloß neu erstehen in seinem Glanz, denn nur in der Nacht ist er wach und zaubert und spielt mit seinen Edelsteinen..." "Und am Tag?" fragte, atemlos vor Spannung, das Füchslein. "Am Tag, da schläft er in einem unterirdischen Gewölbe, und alles rundum ist verfallen und wüst wie sonst. Hüte dich vor dem Schloß, sage ich dir, hüte dich!" Ernst schaute der Igel das Füchslein an. "Ich werde mich schon in acht nehmen!" sagte es und sprang auf. "Und jetzt muß ich gehen, es wird bald dunkel, und ich habe noch kein Quartier. Leb wohl und vielen Dank!" "Keine Ursache", brummte der Igel und setzte seinen Weg durch das welke Laub fort. "Ja, ja, die Jugend, die leichtsinnige Jugend...", murmelte er dabei vor sich her. Unser Felix aber hörte ihn längst nicht mehr;
er lief, gestreckt wie ein roter Strich, durch den Wald. Hoi - war er neugierig! Er wollte doch wenigstens von weitem das Schloß des Zauberers sehen. Er war so neugierig, daß er ganz vergaß, wie er sich in dem unheimlichen Wald zuerst gefürchtet hatte.

 

 

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