Maria mit dem
Katzenkind (1)
aus "Die Katze, die im Christbaum
saß" (Andrea Schacht)
Bruder Anselm war
zufrieden damit, im Kloster zu leben.
Weder die Verpflichtung zu Keuschheit, Armut und Bescheidenheit noch die
Frömmigkeit machten ihm zu schaffen. Er war einst verheiratet gewesen mit einer
gutherzigen und fürsorglichen Frau namens Marie, die er, so er denn aus seinen
Traumwelten einmal auftauschte, herzlich geliebt hatte. Doch sie war im Kindbett
gestorben, zusammen mit ihrem kleinen, nicht lebensfähigen Mädchen. Anselm hatte
sie auf seine Art betrauert - und danach hatte er keine Frau mehr angesehen.
Zumindest nicht in sündigem Sinne.
Reichtümer spielten in seinem Leben ebenfalls keine Rolle. Er hatte immer ein
Dach über dem Kopf gehabt, irgendwelche Kleidungsstücke anzuziehen und etwas zu
essen. Sein Weib hatte sich darum gekümmert.
Bescheiden war er auch, und zwar so sehr, daß ihm nie bewußt wurde, wie groß
seine Demut wirklich war. Fromm war er allemal. Auch wenn er nicht in Worten
betete, sondern seinem Schöpfer auf andere Weise diente.
Anselm war ein Maler. Ein begnadeter Maler, dessen Werke so lebendog,
tiefgründig und so zu Herzen gehend waren, daß jeder, der sie betrachtete, in
seiner Seele berührt wurde. Auch der Bischof.
Er hatte bei ihm ein Gemälde bestellt, genau zu der Zeit, als Anselm seine Frau
verloren hatte. Die Himmelfahrt Mariens sollte es darstellen, und vielleicht war
es die Trauer um seine geliebte Frau, weshalb ein Bild von so erhabener
Schönheit entstand, das jeden Betrachter zu Tränen rührte.
Hingegen hatte der Bischof zunächst keine Zeit, es zu bewundern, denn als er den
Maler aufsuchte, um das Werk abzuholen, fand er den Mann bewußtlos zwischen
Farbtiegeln, Pinseln und Leinwand in seiner Werkstatt liegen. Der eilig
herbeigerufene Apotheker stellte eine große körperliche Schwäche fest, die er
mit einem kundigen Blick darauf zurückführte, daß Anselm in den vergangenen
Tagen weder gegessen noch getrunken hatte. Völlig abgemagert, farbverschmiert
und mit verfilzten Haaren, wie er war, betteten sie ihn vorsichtig auf sein
Lager und versuchten, ihm ein wenig Milch einzuflößen. Anselm wachte kurz auf,
schluckte gehorsam die Flüssigkeit und murmelte leise: "Sie hat gesagt, ich
solle ins Kloster gehen."
"Wer, Meister Anselm?" fragte der Bischof sanft nach.
"Wer hat es Euch gesagt?"
"Marie. Sie kam zu mir, als ich sie malte." Dann fiel er erschöpft in einen
abgrundtiefen Schlaf.
Der Bischof zog die Decke über ihn und wandte sich dann erst dem Gemälde zu. Das
gütige und liebreiche Gesicht der Madonna lächelte ihn aus der Höhe an, zu der
sie sich mit Hilfe der Engel aufgeschwungen hatte. Vage erinnerte es ihn an die
verstorbene Gattin des Malers.
"Wundervoll!" flüsterte er ergriffen.
Dann begann er, weil er ein praktischer Mann war, verschiedene Dinge zu regeln.
Als Anselm wieder aufwachte, lag er in einer kleinen, schlicht eingerichteten
Zelle. An seinem Lager wachte ein Mönch in dunkler Kutte.
"Wo bin ich?" "Im Kloster, mein Freund. Wie Ihr es gewünscht habt!" "Ach ja, es
war ihr Rat! Kann ich bleiben?" "Natürlich."
So wurde nach kurzer Zeit aus
Meister Anselm der Laienbruder Anselm, und für ihn fing ein neues Leben an. Er
fügte sich gerne dem geregelten Tagesablauf aus Arbeit und Gebet ein, aber der
Abt, der seine große Gabe erkannte, hatte angeordnet, Bruder Anselm brauche,
wann immer er in seine Malerei vertieft war, nicht an den Stundengebeten
teilnehmen. Hingegen hatte einer der Novizen die Aufgabe, ihn immer zu den
Mahlzeiten ins Refektorium zu führen, damit er nicht vergaß zu essen.
Er hätte ganz zufrieden sein können, es wurde gut für ihn gesorgt, er durfte
seiner künstlerischen Begabung folgen, man achtete ihn und begegnete ihm mit
brüderlicher Zuneigung. Doch etwas fehlte in seinem Leben. Er wußte nicht recht,
was es war, aber dann und wann bat er in seinen Gebeten, die er mit Vorliebe an
Maria, die barmherzige Mutter, richtete, sie möge die Leere in seinem Herzen
füllen.
Sie erhörte seine Bitte und erfüllte sie auf ihre Weise.
Bruder Anselm erging
sich oft im Klostergarten, um sich an den Kräutern und Blumen zu erfreuen, die
dann auf seiner Leinwand in ihrer ganzen Pracht erblühten. Hier begegnete er
eines Tages einer graugetigerten Katze. Sie saß zwischen dem roten Mohn und den
weißen Lilien und putzte sich sorgsam die Pfote. Als sie den leise auftretenden
Maler auf sich zukommen sah, stellte sie die saubere Pfote auf den Boden und
musterte ihn neugierig mit ihren grünen Augen. Sie war sonst eine scheue
Gesellin, die gebührenden Abstand von den Menschen hielt und nur gelegentlich
ein Häppchen aus der Klosterküche stibitzte, wenn die Mäuse allzu mager waren.
Doch der sanfte Bruder, der nun vor ihr stehenblieb und seine Hand langsam nach
ihr ausstreckte, schreckte sie nicht. Vorsichtig schnüffelte sie an seinen
Fingern, die von wunderlicher Farbe und noch wunderlicherem Geruch waren. Sie
ließ es sogar zu, daß er ihr sacht über die Stirn streichelte, genau da, wo sich
das schwarze M zwischen den Augen bildete. "Oh, jetzt habe ich einen roten Fleck
in deinem Fell hinterlassen. Verzeih, Kätzchen. Ich wische ihn fort",
entschuldigte sich Bruder Anselm und versuchte mit dem Ärmel seiner Kutte die
Farbe abzuwischen. Sogar das ließ sich die Grautigerin gefallen. Sie putzte
allerdings energisch mit der Pfote hinterher, wie um anzudeuten, daß die
menschliche Vorstellung von Reinlichkeit nicht grundsätzlich der ihren
entsprach. Dann setzte sie sich wieder unter den Blüten zurecht und gab ein
malerisches Bild ab. Versonnen blieb Bruder Anselm stehen und nahm ihre
vollendeten Forman in sich auf. "Ich würde dich gerne malen", flüsterte er nach
einer Weile. "Aber ob du auf dem Altarbild, das ich für die Kirche malen soll,
einen würdigen Platz findest?"
Die Katze schnurrte,
denn die
Sonne wärmte ihren Pelz, und im Gegenlicht fingen sich ihre Strahlen in ihrem
silbrigen Fell. Es schien dem Maler, als wäre sie von einem hellen Schein
umgeben. „Nun,
wir werden es sehen, Minka. Du heißt doch Minka?“ fragte Bruder Anselm, und die
Katze, die zwar ihren eigenen Namen recht gut kannte, ihn aber niemals einem
Menschen preisgegeben hätte, akzeptierte jenen, den der höfliche Mann für sie
ausgesucht hatte. Sie sprang auf und strich ihm zustimmend schnurrend um die
Beine.
In diesem
Moment erkannte Bruder Anselm, was ihm gefehlt hatte und dass er nun etwas
gefunden hatte, was die Leere füllte. Das Gefühl, das die Katze und ihn
miteinander verband, hieß Zärtlichkeit. Er kniete nieder und streichelte den
warmen Körper, während Minka ihren Kopf an seiner Kutte rieb.
Als er schließlich aufstand, um an seine Arbeit zurückzugehen, folgte ihm in
einem vorsichtigen Abstand die graugetigerte Katze bis kurz vor den
lichtdurchfluteten Raum, in dem seine Malutensilien standen.
Dort gab es drei große Holztafeln, die später einmal in einen dreiflügeligen
Altar eingepasst werden sollten. Die erste Tafel war bereits mit einer
Grundierung versehen, und man konnte anhand der dünnen Linien der Vorzeichnung
den Engel Gabriel erkennen, welcher der knienden Maria eine freudige Botschaft
überbrachte.
An diesem Tag traute sich Minka noch nicht einzutreten. Es roch doch sehr
seltsam in dem Gemach, und die Gefahr, sich an den bunten Töpfen schmutzig zu
machen, erschien ihr recht groß. Außerdem wollte sie, wie es Katzenart ist,
nicht aufdringlich sein.
Am folgenden Nachmittag aber, als Bruder Anselm wieder seine Runde durch den
Garten machte, hatte sie sich neben dem duftenden, vor Bienen summenden Lavendel
niedergelassen. Gewiß wirkte das graugetigerte Pelzchen zwischen dem Violett der
Blüten und dem Graugrün der Blätter nicht ganz so dramatisch wie zwischen den
roten und weißen Blumen am Vortag, doch Bruder Anselm lobte Minka erneut für die
geschmackvolle Wahl ihres Ruheplatzes. Er hatte sich, in der Hoffnung, das
Kätzchen zu treffen, sogar die Hände gründlich gereinigt, denn manche der Farben
waren giftig. Sie ließ es sich daher auch gerne gefallen, dass er sie zwischen
den Ohren kraulte und über den Rücken strich. Als er zurück in seine Werkstatt
ging, folgte sie ihm bis kurz vor das Bild, an dem er arbeitete. Der Engel war
inzwischen deutlich zu erkennen. Zumindest für den menschlichen Betrachter.
Minka hingegen fragte sich ein wenig verwundert, warum der Mann mit der Lilie in
der Hand Flügel wie ein Vogel hatte. Dann aber verlor sie gänzlich das Interesse
an dem Gemälde, denn Bruder Anselm stellte ihr ein Schälchen mit fettem weißen
Quark in eine fast ganz saubere Ecke. Mit hörbarem Genuß schleckte sie es leer,
putzte sich noch einmal über das Gesicht und trollte sich dann.
Am nächsten Tag regnete es, und Bruder Anselm, die Kapuze seiner Kutte tief über
den Kopf gezogen, hielt vergeblich im tropfenden Grün des Gartens Ausschau nach
Minka. Betrübt kehrte er zu seiner Malerei zurück und schloß die Tür hinter
sich, denn es zog kalt und feucht in den Raum.
Und dann fand er sie.
Er
hatte schon am Vortag dem Bruder Cellerar eine alte Kukulle abgeschwatzt und in
die fast ganz saubere Ecke gelegt. Auf dieser grauschwarzen, ein wenig
verschlissenen Decke ruhte Minka und war eigentlich nur durch das Funkeln ihrer
Augen zu erkennen, die wie grüne Edelsteine aus dem Wollstoff hervorleuchteten.
“Sehr hübsch gewählt, Minka. Man kann auch mit kleinen Farbakzenten große
Wirkung erzielen.“ Er stellte ihr wieder ein Schälchen vor ihr Lager, und sie
genoß ihren kleinen Imbiß. Danach gähnte sie gewaltig und verschmolz mit der
Decke. Doch Bruder Anselms Tätigkeit wurde von einem beständigen Schnurren
begleitet.
Seit jenem Tag hatte Minka ihren festen Platz in seinem Arbeitsraum bezogen, und
mit kritischem Blick verfolgte sie das Werden des Gemäldes. Da gab es jetzt ein
hübsches Zimmer mit hohen Bogenfenstern zu sehen, aus denen das Licht auf die
kniende Frau fiel, deren weites blaues Gewand in schimmernden Falten um sie
gebreitet war. Goldene Locken flossen so lebensecht ihren Rücken hinunter, dass
Minka einmal versuchte, sie mit der Pfote zu berühren. Irritiert war sie dann
aber zurückgewichen, als sie nur das Holz spürte. Doch das Gesicht der Frau
drückte eine freudige Hoffnung aus, die sich auf jeden Betrachter übertragen
musste. Nach ein paar Tagen jedoch fand Minka etwas Neues auf dem Bild, was sie
noch mehr begeisterte. Unter dem königsblauen Kleid lugte ganz außen links im
Bild der Kopf einer graugetigerten Katze hervor. Sehr deutlich blinzelten die
grünen Augen dem Betrachter zu.
Der Sommer ging vorüber, der Herbst ebenfalls, und der Klostergarten wurde
graubraun und unansehnlich. Trockene Halme, kahle Stengel und welke Blätter
bedeckten die Beete, und der Bruder Gärtner schützte die Rosen mit Tannenreiser.
Minka machte zwar noch immer ihre Streifzüge durch den winterlichen Garten und
fing auch noch die eine oder andere Maus, aber sie verbrachte mehr und mehr
Stunden in dem geheizten Raum, in dem Anselm malte. Das war nicht mehr so lange
am Tag möglich wie im Sommer, wenn das Licht heller war, doch zumindest die
Mittagsstunden nutzte er aus, um das erste Tafelbild zu vervollständigen. In
der Dämmerung jedoch, wenn die Farben verblassten und grau wurden, fand er
Zeit, mit Minka zu sprechen. Er hatte es sich angewöhnt, sie auf den Schoß zu
nehmen und ihr von den Bildern zu erzählen, die sich in seinem Kopf formten. Die
Geschichten der Bibel stellten sich ihm immer als bunte Szenen dar, führten ihn
in weite Landschaften oder in dunkle Verliese, über die tobenden Wasser des See
Genezareth, in den ärmlichen, aber hell erleuchteten Stall von Bethlehem und
auch auf den trostlosen Hügel des Kreuzes.
Minka hörte zu, schnurrte und sah in ihrem Herzen, was Bruder Anselm in dem
seinen sah. Denn zwischen ihnen war ein silbernes Band geknüpft worden, wie es
zwischen feinfühligen Menschen und Katzen oft entsteht. Minka folgte Bruder
Anselm nun auch des Nachts in seine Zelle und schlief an seiner Seite. Einige
Brüder hatten abfällige Äußerungen dazu gemacht, aber der Abt erinnerte sie an
die Lehren des heiligen Franziskus, und daraufhin schwiegen sie.
Im Frühjahr war die Verkündigung Mariens fertig geworden, und Bruder Anselm
begann mit dem Mittelteil des Altars. Es war eine sehr viel größere Tafel, die
er zu gestalten hatte, doch in den langen Wintertagen war ein großartiges Bild
in ihm entstanden, das er zu malen gedachte. Der frühlingsgrüne Klostergarten
lockte Minka und ihn aber immer wieder aus den Mauern, und zwischen blauen
Veilchen und weißen Kleeblüten, unter den fedrigen Blättchen der Raute oder am
Stamm des blühenden Apfelbaumes nahm die Katze immer wieder hübsche Posen ein,
die den Maler entzückten. Allerdings gab es da im Frühsommer eine kleine
Unterbrechung seiner ruhigen Tätigkeit, denn an einem warmen Maitag empfing ihn
Minka auf ihrer Decke maunzend und stolz mit drei kleinen Jungen, die sie
geboren hatte. Mit unbeschreiblichem Staunen beobachtete Bruder Anselm, wie
liebevoll und umsichtig die Mutter ihre Kleinen nährte, lehrte und erzog.
Während jener Zeit entstand das zauberhafte Gemälde, auf dem Mariens Mutter Anna
mit ihrer Tochter Maria und dem kleinen Enkel inmitten einer frühlingshaften
Landschaft beieinander saßen. Das kleine Kind aber spielte fröhlich mit einer
graugetigerten Katze.
Der Abt fragte einmal, ob nicht ein Lämmchen von größerer symbolischer Bedeutung
gewesen wäre, aber Bruder Anselm schüttelte nur mild lächelnd den Kopf. Für ihn
symbolisierte die Katze die umfassende mütterliche Liebe, und das war es, was er
darstellen wollte.
Ein
weiterer Winter kam und ging, und Bruder Anselm lag mit einer schweren Erkältung
danieder. Minka wachte an seinem Bett, und wann immer er so weit bei Sinnen war,
dass er sie erkannte, spürte sie seine fieberheiße Hand über ihren Kopf
streicheln. Hin und wieder legte sie sich auf seine Brust und beruhigte sein
hämmerndes Herz mit ihrem Schnurren. Dabei lauschte sie auf seine Gedanken, und
die Bilder von Schmerz und Trauer, die seine Träume durchwebten, nahmen auch vor
ihren Augen Gestalt an. Oft murmelte er vor sich hin, und es waren wohl
Erinnerungen an sein einstiges weltliches Leben, die sie da hörte.
Es war schon Mitte des Sommers, als sich Bruder Anselm so weit erholt hatte,
dass er mit der dritten Tafel des Altars beginnen konnte.
Er arbeitete nur noch wenige Stunden am Tag, denn er hatte eine bleibende
Schwäche zurückbehalten. Aber seine Spaziergänge durch den Klostergarten hatte
er wiederaufgenommen, und auch Minka begleitete ihn, naschte gelegentlich ein
paar Blättchen von der Katzenminze und bot ihm hübsche Motive zwischen den roten
Gladiolen oder unter der üppigen Kapuzinerkresse mit ihren flammend gelbroten
Blüten.
Doch mochte der Sommer auch voller leuchtender Farben sein, die Idee zu dem
Gemälde, das er nun anfertigte, war in den dunklen Stunden der Krankheit
entstanden. Maria, von Leid gezeichnet, hielt den blutenden Leichnam ihres
Sohnes in den Armen. Eine brennende Sonne verlosch dahinter am schwarzbewölkten
Horizont. Es mochte einem das Herz schier zerreißen, wenn man die stille Szene
betrachtete.
Nur einen Trost gab es darin. Eine kleine, graugetigerte Katze schmiegte sich an
Mariens Seite, die Pfote sacht auf ihre Hand gelegt.
Die Jahre
zogen dahin. Bruder Anselm vervollkommnete seine Kunst. Immer ausdrucksstärker
wurden seine Bilder, immer tiefer verwob er die Symbole von Glaube, Liebe und
Hoffnung in seine Werke. Doch brauchte er auch immer länger für die Gemälde.
Maria an der Krippe schließlich war ein gewaltiges Epos aus goldenem Licht, und
niemanden nahm es wunder, dass zwischen Esel, Kuh und Lamm auch eine Katze
anbetungsvoll zu dem Kind aufschaute.
Minka lebte ihr Katzenleben an seiner Seite, auch sie wurde jedoch älter. An
einem warmen Oktobertag vermisste Bruder Anselm sie und suchte sie im Garten.
Dort fand er sie unter dem Rosenstrauch liegen. Ranken, schwer von blassgelben
Blüten in dunklem Laub, umgaben sie und dufteten im Herbstsonnenschein betörend.
Doch als er Minka ansprach, hatte sie Mühe, sich zu erheben. Blicklos schauten
ihre Augen in seine Richtung, und als sie einen wackligen schritt auf ihn
zumachen wollte, versagten die Hinterbeine ihr den Dienst. Bruder Anselm fing
sie auf und bettete sie in seine Arme. Noch hörte er ihr leises Schnurren, und
langsam ging er mit ihr zwischen den Beeten auf und ab. Als der Abend sich
senkte und die Glocke zum letzten Gebet rief, trug er sie in seine Zelle und
bereitete ihr ein Lager auf seinem Bett. Seine Gebete sprach er hier, auf Knien,
eine Hand auf ihren schwachen, mühsam atmenden Körper gelegt. Dann machte er
sich ein wenig Platz auf der schmalen Pritsche und hob seine Katze vorsichtig
auf seine Brust. Die Ärmel seiner Kutte bedeckten sie und hielten sie warm. Mit
seiner sanften Stimme sprach er leise auf sie ein, aber es war die Version eines
Gemäldes, das Minka als letztes in diesem Leben vor ihren blinden Augen sah, und
sie nahm es mit als Erinnerung an eine zärtliche, grenzenlose Liebe.
Bruder Anselm sprach mit niemandem mehr, nachdem er Minka unter dem Rosenbusch
begraben hatte. Er zog sich in seine Werkstatt zurück und ließ keinen der Mönche
mehr dort eintreten. Es dauerte drei Monate, bis das Bild vollendet war, und als
am Heiligen Abend der Abt selbst nach ihm schaute, um ihn zur Mette zu holen, da
fand er Bruder Anselm zusammengesunken auf seinem Stuhl, Minkas alte Decke um
sich gewickelt. Er atmete nicht mehr. Doch auf der Staffelei stand ein fertiges
Bild. Es zeigte eine junge Frau inmitten eines Rosenhags, deren Gesicht von
einer verträumten, innigen Zärtlichkeit erleuchtet war. Eine zarte Aureole umgab
ihr Haupt, und in den Armen hielt sie – ein kleines, graugetigertes Katzenkind.
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Katzenkurzgeschichten folgen:
(aus „Die Katze die im Christbaum saß“ von Andrea Schacht)
„Engelshaar und Katzenschwanz“
„Maria mit
dem Katzenkind
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